Zur Edition der Orgelwerke

Die Neuausgabe der Orgelwerke trägt sowohl Regers Arbeitsablauf und Quellenfolge als auch der jeweiligen Quellenüberlieferung Rechnung. Aus der Quellenbewertung ergibt sich die editorische Vorgehensweise.

Quellenbewertung

Als Hauptquellen gelten die autographen Notenmanuskripte, Korrekturabzüge und der von Reger edierte Erstdruck. Sie werden jeweils miteinander verglichen und hinsichtlich ihrer Beschaffenheit und besonderen Merkmale im Kritischen Bericht beschrieben. Hinweise Regers auf Druckfehler (in Briefen und auf Errata-Zetteln) werden bei der Edition selbstverständlich berücksichtigt. Fassungen für andere Besetzungen bleiben aufgrund der unterschiedlichen satztechnischen Idiomatik bei editorischen Entscheidungen von sekundärer Bedeutung; sie werden vor allem für Fragen der Tonhöhe herangezogen. Sind Reger’sche Quellen verschollen, ihre Inhalte aber durch Abschriften o.Ä. bekannt, wird stellvertretend auf diese Dokumente von fremder Hand zurückgegriffen.

Reger verstand die jeweils jüngste Werkgestalt im beschriebenen Arbeitsprozess als organische Weiterentwicklung und Verfeinerung der vorhergehenden. Daher dient der am Ende dieses Prozesses stehende, mit dem stärksten Gewicht autorisierte Erstdruck als Leitquelle für den Notentext der RWA. Dies gilt auch bei Werken, die nacheinander in unterschiedlichen Publikationsformen erschienen sind, etwa zunächst in einer Zeitschrift und später in einem von Reger verantworteten Sammelband. Bei Unterschieden zu handschriftlichen Quellen (oder auch zu früheren Drucken) werden die verschiedenen Varianten auf Plausibilität und Stichhaltigkeit geprüft. Handelt es sich bei den Eigenheiten des letztgültigen Erstdrucks nicht um bewusste Änderungen Regers, sondern um unentdeckt gebliebene Fehler oder Fehlinterpretationen seitens des Notenstechers, wird eine Lesart aus den Manuskripten oder einem früheren Druck übernommen. In Zweifelsfällen werden die Varianten in einer Fußnote beschrieben.

Abweichungen der RWA von der Leitquelle

Weicht die RWA vom Erstdruck ab, ist dies im Lesartenverzeichnis festgehalten, das in den Anmerkungen der DVD vollständig wiedergegeben ist und sich im gedruckten Band auf Stellen konzentriert, die die klangliche Gestalt des Werks betreffen. Im gedruckten Notentext sind folgende Änderungen, wenn sie nicht durch eine andere Quelle begründet sind, durch diakritische Auszeichnung (oder durch Anmerkung) kenntlich gemacht:

  • Berichtigung fehlerhafter Noten: in eckigen Klammern
  • Ergänzung fehlender Noten: in eckigen Klammern
  • Ergänzung notwendiger Akzidenzien: in eckigen Klammern
  • Ergänzung fehlender Dynamikangaben oder Registrieranweisungen: in eckigen Klammern
  • Ergänzung fehlender Artikulationszeichen: in eckigen Klammern
  • Ergänzung fehlender Haltebögen: in eckigen Klammern
  • Ergänzung fehlender Phrasierungsbögen: gestrichelt
  • Ergänzung von Warnakzidenzien: in Kleinstich

Auf gravierende Abweichungen zwischen den Quellen sowie auf editorisch nicht eindeutig zu entscheidende Stellen wird im gedruckten Band mithilfe von Fußnoten hingewiesen. Im Erstdruck gegebene Hinweise Regers für den Interpreten bleiben als wörtliche Zitate in Fußnoten erhalten; auch Regers eigene Registrieranweisungen wurden übernommen.

Gelegentlich verwendet Reger im Notentext, etwa für ergänzende oder alternative Hinweise (vor allem Warnakzidenzien), runde oder eckige Klammern; sie werden zu runden Klammern vereinheitlicht. Manual-, Registrier- und Koppelanweisungen sind in ihrer Darstellung standardisiert: Wenn sie nur der Erinnerung dienen (»sempre III. Man 8’, 4’«), werden sie in runde Klammern gesetzt; der Hinweis »sempre« wird dadurch in vielen Fällen entbehrlich. Wo rechte und linke Hand auf dem gleichen Manual spielen, steht immer eine geschweifte Klammer vor der Manualangabe, unabhängig davon, ob beide Hände an dieser Stelle gleichzeitig in das betreffende Werk wechseln oder eine der anderen folgt.

Warnakzidenzien, von denen Reger selbst reichlich Gebrauch macht, werden von den Herausgebern zur Verdeutlichung eingefügt, etwa wenn im vorangehenden Takt, in einem benachbarten System oder einer anderen Stimme der betreffende Ton (gegebenenfalls auch in anderer Oktavlage) alteriert ist. Bei Alterationen von Haltetönen über einen Zeilenwechsel hinweg werden diese in der neuen Zeile angezeigt; eine nachfolgende Alterierung erfordert ein entsprechendes Versetzungszeichen. Alterierungen gelten auch bei mehrstimmiger Schreibweise in einem System für jedes Vorkommen eben dieser Note innerhalb des Takts unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Stimme.

Versetzungszeichen im Takt gelten auch für Vor- und Nachschlagsnoten, ebenso behalten deren Alterationen ihre Gültigkeit für den Folgetext. Ob Reger bzgl. der Wechselnoten bei Trillern und Mordenten über die in vielen Fällen gesetzten Akzidenzien hinaus ein verallgemeinerbares System der Gestaltung und Schreibweise verfolgt, ist nicht abschließend zu klären. Eine durchgehende Auszeichnung der Wechselnoten findet in der RWA deshalb nicht statt.

Auf eine weitergehende Standardisierung der Notation wird verzichtet; dies betrifft auch Passagen, in der Regel schnelle Läufe, die sich nicht regulär in die metrische Struktur einordnen lassen (etwa aufgrund eines fehlenden X-tolen-Werts). In Regers Notationsweise wird nur dann eingegriffen, wenn nach Auffassung der Herausgeber die Substanz und das Verständnis des Werks davon nicht betroffen sind und mit der Änderung eine Leseerleichterung für den Benutzer einhergeht (Schlüsselwechsel, Halsung usw.). Solche redaktionellen Entscheidungen von rein orthografischer Bedeutung sind im digitalen Kritischen Bericht nachgewiesen.

In Einzelfällen werden Teile aus früheren oder späteren Stadien eines Werks gesondert ediert und auf der DVD als PDF-Datei zur Verfügung gestellt.